12. April 2021

Jugendarbeit in Corona-Zeiten:
für kleine Fluchten und Freiheiten

Ivan und Nuh besuchen dieselbe Schule, aber sie kannten sich bisher nicht besonders gut. Das ändert sich gerade. Die beiden Jungen nutzen das Angebot der Lernförderung beim Projekt Kurze Wege in Trägerschaft des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Neustadt-Wunstorf. Bis eben hat Ivan noch vor einem Lernvideo gesessen, gleich ist Feierabend in der Einrichtung, und sie gehen zusammen los – nach Hause. „Es ist schön, hier jemanden zu treffen, mit dem man reden kann“, sagt der eine, der andere nickt. Die beiden sind sich da einig.

Währenddessen betreut Ebru Ronja noch bei den Hausaufgaben, eine letzte Kontrolle, ob alles erledigt ist. „Die Mischung macht es, lernen und Sozialkontakte“, so das Teammitglied von Kurze Wege. Die Kinder bräuchten beides dringend, „und uns macht es riesigen Spaß“, sagt Ebru. Die Jugendlichen, die das Angebot nutzen, liefen sonst Gefahr, in der Gesellschaft verloren zu gehen.

Jugendarbeit hilft bei der Krisenbewältigung

Jugendarbeit ist eine Investition in die Zukunft, so betrachtet es Diplom-Pädagoge Stephan Kuckuck. Das Projekt Kurze Wege – sozialräumlich orientierte Jugendarbeit in Kooperation und Vernetzung von kommunalen Institutionen und evangelischer Jugendarbeit – ist seit 20 Jahren mit Treffpunkten, Aktionen und Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche aktiv. Vor allem im vergangenen Jahr sei sowohl in den offenen Treffpunkten, in Gesprächen mit der Schulsozialarbeit als auch im Präventionskreis aufgefallen, dass Kinder und Jugendliche Unterstützungsbedarf beim Distanzlernen hätten. „Diesen Jugendlichen fehlt die familiäre Unterstützung, die technische Ausstattung, die eigene Strukturierung des Tagesablaufes oder alles zusammen“, so Kuckuck.

Momentan lernten Jugendliche, Krisen zu bewältigen. „Dabei brauchen sie Begleitung, Beratung und Unterstützung, um in Zukunft weitere Krisen in ihrem Leben und in der Gesellschaft zu meistern“, betont der Pädagoge.

Schulen unterstützen die Jugendarbeit

Das Projekt bietet seit Mitte Januar 2021 Schülerinnen und Schülern Unterstützung beim Distanzlernen und ein Kochprojekt für einen Schüler der berufsbildenden Schule – mehr dürfen aus Hygieneschutzgründen derzeit nicht teilnehmen. Montags bis freitags stehen zu unterschiedlichen Zeiten Computerarbeitsplätze sowie die Küche der Einrichtung zur Verfügung. In Absprache mit der Schulsozialarbeit der benachbarten Otto-Hahn-Haupt- und -Realschule werden besonders Mädchen und Jungen ab der fünften Jahrgangsstufe angesprochen, die beim Distanzlernen zusätzliche Hilfe brauchen. Auch die Schulsozialarbeiterin der benachbarten Grundschule ist miteinbezogen.

Wie fängt Ihre Kirchengemeinde junge Menschen in der Corona-Zeit auf?

Schreiben Sie uns gern und berichten Sie.

Kontakt aufnehmen

Foto: Kurze_Wege_Team1 // Fotocredit: Projekt Kurze Wege

Bildunterschrift: Helfer und Zuhörer in der Krise (von links): das Team von Kurze Wege mit Diplom-Pädagoge Stephan Kuckuck, Robina (FSJ), Ebru (Ehrenamt), Liam (Teamer) und Sozialpädagogin Nicole Brickwedel.

Corona gibt die Regeln vor

Vier bis fünf Arbeitsplätze gibt es derzeit an den Vormittagen. Die Kinder zu erreichen sei nicht immer einfach, wie Sozialpädagogin Nicole Brickwedel erzählt. Bei der offenen Jugendarbeit gehe es normalerweise ums Musikhören, Billardspielen, Reden – eben darum, „einfach jugendlich sein zu dürfen“, so Brickwedel. Seit Anfang des Jahres aber spiele die Unterstützung beim Lernen die Hauptrolle – natürlich immer unter Einhaltung der geltenden Corona-Regeln. Die Jungen und Mädchen tragen demnach Masken und müssen genügend Abstand halten. Sie kommen zudem zeitlich versetzt und werden in verschiedenen Räumen betreut.

Hilfe für Kurze Wege kommt von den Schulsozialarbeiterinnen der benachbarten Schulen. Sie schlagen die Fünft- bis Achtklässler für das Angebot vor. „In der Schule kennt man die Familien am besten“, sagt Brickwedel. Die Jungen und Mädchen bekommen eine Einzelbetreuung. „Wir gehen auch mal raus und lernen lokale Gegebenheiten gemeinsam kennen“, sagt Brickwedel. Grundsätzlich liege der Schwerpunkt aber auf dem Einzelförderunterricht.

Ein Stück Normalität gegen das Alleinsein

Der 14-jährige Ivan fühlt sich wohl beim schulischen Alternativprogramm. „Ich spiele natürlich auch gern Billard nach den Hausaufgaben. Aber vor allem bin ich hier nicht allein. Meine Eltern kommen immer erst spät nach Hause“, sagt er. Seinem neuen Freund Nuh geht es ähnlich. Treffen mit Freunden fielen meistens weg. Da sei es schön, im Projekt unter Menschen zu sein. „Uns wird hier sehr geholfen, Mathe wird schon besser“, sagt Nuh.

Nicole Brickwedel betont, dass das Team den Schülerinnen und Schülern auch im Alltag helfen will. „Es gibt viele persönliche Fragen, und wir bauen ein persönliches Verhältnis auf“, sagt sie. Kontakt und Austausch seien unverzichtbar. „Wir ermöglichen etwas Normalität.“

Kurze Wege ermöglicht Kontakte und Kontinuität

Robina, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr in Wunstorf absolviert, sieht bereits die Entwicklung, die die Schülerinnen und Schüler seit Jahresbeginn gemacht haben. „Sie sind offener, selbstbewusster und stellen Fragen. Das bringt sie weiter“, sagt sie. „Kontakt und Kontinuität sind die Schlüsselworte“, betont Sozialpädagoge Stephan Kuckuck. „Lebensberatung funktioniert hier nebenbei.“ Teamer Liam beobachtet, wie eifrig die jungen Leute dabei sind. „Die kleinen Gruppen geben ihnen Sicherheit“, sagt er.

Die Jugend dürfe in der Pandemie nicht aus dem Blick geraten, betont Nicole Brickwedel. Sie leide, aber ziehe auch mit, wenn es Angebote gibt. „Der Verzicht für junge Leute ist gerade enorm. Dabei leisten sie Großartiges für die Gesellschaft.“ Ivan und Nuh haben das vermutlich noch nicht so realisiert. Sie genießen erst einmal die kleinen Fluchten und Freiheiten, die ihnen das Projekt Kurze Wege gewährt. Und vielleicht werden sie Freunde für länger.

von Susanna Bauch

Artikel teilen:

Wie fängt Ihre Kirchengemeinde junge Menschen in der Corona-Zeit auf?

Schreiben Sie uns gern und berichten Sie.

Kontakt aufnehmen

Ähnliche Artikel