6. April 2021

Benachteiligung ist mehr als Armut

Benachteiligte Kinder und Jugendliche haben es derzeit schwer. Besonderem Engagement ist zu verdanken, dass sie dennoch derzeit nicht allein bleiben.

Sie engagieren sich unter erschwerten Bedingungen und sind trotzdem für benachteiligte Kinder und Jugendliche da: Pastorinnen und Pastoren, Sozialpädagoginnen und -pädagogen und Diakoninnen und Diakone haben im Rahmen der Initiative Lernräume verschiedene Projekte ins Leben gerufen, um den Nachwuchs zu fördern und ihn in besonders schweren Zeiten zu betreuen und ihm zur Seite zu stehen. Die Initiative Lernräume fördert Kirchengemeinden sowie Caritas- und Diakonie-Einrichtungen, die in ihren Gemeinderäumen oder anderen Räumlichkeiten für Grundschulkinder Lernförderung, Computerarbeitsplätze, Ferienmaßnahmen oder Ähnliches anbieten. Getragen wird das Modellprojekt von der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen und den katholischen Bistümern in Hildesheim und Osnabrück. Caritas und Diakonisches Werk in Niedersachsen sind Kooperationspartner. Das Land Niedersachsen unterstützt das Projekt ebenfalls finanziell.

Fotocredit: Yvonne Lippel
Falk Wook ist Pastor der Gemeinde Zum Guten Hirten in Godshorn und Mitinitiator des Pädagogischen Mittagstisches Satt & Schlau.

Falk Wook, Pastor und Mitinitiator von Satt & Schlau

Der Lockdown ist eine besondere Herausforderung, jeden Tag. „Es kann keine normalen Treffen in unseren Räumen geben“, sagt Falk Wook, Pastor der Gemeinde Zum Guten Hirten in Godshorn und Mitinitiator des Pädagogischen Mittagstisches Satt & Schlau.

Das Team geht deshalb jetzt direkt in die benachbarten Schulen, um die Kinder dort zu erreichen. Und in einem ausgeklügelten Schichtbetrieb ist es auch möglich, dass Jungen und Mädchen mit Bedarf an Förderunterricht in die Einrichtung kommen. „Die Schule berichtet uns immer wieder, dass die Schülerinnen und Schüler sich verbessern, wenn sie bei Satt & Schlau gewesen sind“, betont die Leiterin des Projekts, Yvonne Lippel.

Pastor Wook legt Wert darauf, dass es bei der jungen Klientel nicht um arme, sondern um benachteiligte Kinder geht. „Benachteiligung ist mehr als Armut. Viele erleben daheim schwierige Situationen – etwa durch Scheidung, Tod eines Elternteils, Sprachprobleme oder auch geringe finanzielle Spielräume“, so Wook. Zwischen sechs und zehn Jahre alt sind die Kinder aus der Grundschule, die zu Satt & Schlau kommen Dort geht es derzeit nicht nur um das Mittagessen und Hausaufgaben, sondern auch „um soziales Lernen und ein Sich-Austoben“. Eine ehrenamtliche Person ist für ein bis drei Kinder zuständig, die Hausaufgaben werden gemeinsam bewältigt, „und wo besondere Schwächen erkennbar sind, wird gezielt nachgearbeitet – auch im Lockdown“, so Pastor Wook.

Derzeit ist zwar alles etwas heruntergefahren, aber das Team steht bereit. Es hat sich auf das schulische Wechselmodell eingestellt, nur das Ganztagsangebot kann derzeit nicht aufrechterhalten werden. „Die Kinder brauchen auch die familiäre Atmosphäre – genauso wie übrigens die vielen Ehrenamtlichen“, betont Wook. Denn auch sie zögen großen Gewinn aus ihrer Arbeit. „Willst du nicht mein Opa sein?“, habe schon mal ein Kind seinen ehrenamtlichen Helfer gefragt. „Das“, so Wook, „ist eine ganz besondere Art von Dankbarkeit.“

Rita Bakker, Leiterin Ladenschule der Paulusgemeinde in Celle

Die Ladenschule ist ein Projekt, das während des zweiten großen Lockdowns entstanden ist. Seit Januar 2021 hat die Leiterin des Kinder- und Jugendtreffs der Paulusgemeinde in Celle, Rita Bakker, die große Herausforderung angenommen und das Angebot für die Jugend mit ihrem Team gestemmt. Es geht vor allem um schulische Belange, denn diese „kommen gerade überall zu kurz“, wie die Diakonin und Sozialpädagogin betont.

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In der Ladenschule bieten Rita Bakker, Leiterin des Kinder- und Jugendtreffs der Paulus-Gemeinde in Celle, und ihr Team an zwei Vormittagen Kindern Unterstützung in Mathematik, Sachkunde und Deutsch an.

An zwei Vormittagen wird in jeweils zwei Schichten Hilfestellung angeboten in Sachen Mathematik, Sachkunde oder Deutsch. Die Kinder gehen in die erste bis sechste Klasse, „wir schaffen eine Situation der Ruhe und schauen, wie lange wir mit den Kindern arbeiten können“, sagt Bakker. Je nach Konzentration sei das unterschiedlich.

Den Kontakt zum Schulladen knüpfen Familienhelferinnen und -helfer, aber auch Grundschullehrerinnen und -lehrer. „Oftmals ist die Wohnsituation beengt oder der Lockdown drosselt massiv die Sprachfähigkeiten“, berichtet Rita Bakker. Der Fokus liege daher nicht nur bei den Hausaufgaben, die Kinder sollen vor allem „einfach mal rauskommen“. Soziale Kontakte, Tagesstruktur und eine individuelle Betreuung – die Einrichtung der Gemeinde schafft auch eine positive Atmosphäre.

„Eigentlich war das Projekt zunächst nur bis Ostern geplant, jetzt machen wir weiter bis zu den Sommerferien“, betont die Sozialpädagogin. Es gibt hin und wieder noch Plätze, das Team jongliert mit schulischem Wechselmodell und den Anmeldungen. „Wir bekommen das hin, denn die jungen Schülerinnen und Schüler brauchen das Angebot.“

Antje Stoffregen, Diakonin der Kindertafel der Paul-Gerhardt-Gemeinde Lüneburg

Die Kindertafel für benachteiligte Kinder gibt es bei der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Lüneburg bereits seit einem Vierteljahrhundert. Rund 100 Ehrenamtliche kümmern sich im Wechsel um rund 20 Grundschulkinder – es wird gegessen, gelernt, gespielt und gebastelt.

Mit der Corona-Pandemie musste das Angebot eingeschränkt werden. Diakonin Antje Stoffregen hat bereits im Mai vergangenen Jahres den sogenannten Lernraum eingerichtet: Rund 50 Kinder werden hier alternativ zu Präsenzunterricht oder Homeschooling beim Lernen unterstützt. „Dazu gibt es eine sogenannte Freizeittüte, Spiele und natürlich etwas zu essen“, sagt Antje Stoffregen.

Die Mahlzeiten können die Kinder – mit gebührendem Abstand – in der Kirche einnehmen, eine durch Spenden finanzierte mobile Küche soll baldmöglichst im Gotteshaus aufgestellt werden. „Wir entzerren das Angebot zeitlich, manche Kinder lernen, während die anderen essen“, betont die Diakonin. Das Angebot funktioniere aber nur dank des sehr engagierten Ehrenamts. „Die Kinder lieben die Eins-zu-eins-Betreuung, und die Erwachsenen sind froh, dass sie unter Menschen kommen und etwas Sinnvolles tun.“ Gern würde das Team noch erweitern, rund 16Kinder stehen derzeit auf der Warteliste für den Lernraum.

Das Team habe, so Stoffregen, gute Kontakte zu den Klassenlehrerinnen und -lehrern der Grundschulen. Diese wüssten, welche Mädchen und Jungen zu Hause niemanden haben, der ihnen bei Aufgaben helfen könnte. Der Lernraum ist ein Pilotprojekt der evangelischen und der katholischen Kirchen in Niedersachsen in Kooperation mit dem Land. „Es wäre schön, wenn es noch auf Fünft- bis Siebtklässler ausgeweitet werden könnte“, sagt die Diakonin. In diesem Corona-Jahr liege der Schwerpunkt eindeutig auf der Lernförderung, „der Bildungsgerechtigkeit kommen wir so ein gutes Stück weit näher“.

direkt zu Kirche schafft Lernraum

Antje 2.JPG // Fotocredit: privat

Im Lernraum der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Lüneburg helfen Antje Stoffregen und ihre Kolleginnen und Kollegen Kindern bei ihren schulischen Aufgaben als Ergänzung zu Präsenzunterricht und Homeschooling.

Hanna Wagner, Schulpastorin der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim

Lange konnte Hanna Wagner an der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim nicht unter normalen Bedingungen unterrichten. Die Schulpastorin ist im August 2019 dorthin gewechselt – „vor allem, weil ich so gern mit jungen Menschen arbeite“.

Hanna Wagner.jpg // Fotocredit: privat

Schulpastorin Hanna Wagner unterrichtet an der Gesamtschule in Hildesheim Religion sowie Werte und Normen und steht den Schülerinnen und Schülern als Seelsorgerin und Beraterin zur Verfügung.

Sie unterrichtet Religion sowie Werte und Normen, außerdem steht sie zweieinhalb Stunden pro Woche als Seelsorgerin und Beraterin zur Verfügung. Theoretisch, denn durch das Coronavirus ist auch der Berufsalltag der 40-Jährigen durcheinandergeraten.

„Abiturgottesdienst oder Adventsandachten sind jetzt natürlich ausgefallen“, sagt Wagner. Den Betrieb weitestgehend aufrechtzuerhalten sei mittlerweile schon erschöpfend – für die Kinder und Jugendlichen ebenso wie für die Lehrkräfte. „Ich finde, die jungen Leute sind ganz schön tapfer“, betont Hanna Wagner. Das Lernen auf Distanz hätten die meisten gut hinbekommen, „aber persönliche Kontakte sind doch schöner als Videokonferenzen“.

Die Schulpastorin spürt zudem, dass die Jugendlichen in der Pandemie stärker unter Druck stehen, dazu komme mangelnde Motivation. „Es fehlt einfach das lebendige Miteinander vor Ort.“ Wo es zu Hause Konflikte gebe, diene die Schule nicht mehr für wichtige kleine Fluchten, „das ist ein Problem“. Viele Schülerinnen und Schüler hat Wagner in der Krise aber auch ganz anders kennengelernt. „Diejenigen, die sich im Klassenverband als Einzelgänger eher zurückhalten, kommen im Homeschooling richtig aus sich heraus.“

Als Seelsorgerin ist die 40-Jährige nicht unbedingt gefragter als vor der Krise. Der Austausch ist da, hat aber nicht zugenommen. Jugendliche, die nicht erreicht würden, müssten in die Notbetreuung. Keiner soll verloren gehen. „Aber wir alle können wohl die Laptops nicht mehr sehen. Wir würden uns gern wieder lebendig fühlen.“

von Susanna Bauch

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