30. März 2021

Krankenhausseelsorgerin Bettina Rehbein: „Die Menschen brauchen Mut und Rituale“

Lange Warteschlangen in der Notaufnahme gibt es bisher noch nicht. Aber diejenigen, die ihre Angehörigen mit ungewissem Ausgang zurücklassen müssen, sind beunruhigt. Bettina Rehbein beobachtet das täglich, sie arbeitet als Krankenhausseelsorgerin in einer hannoverschen Klinik, in der auch Corona-Patientinnen und Patienten behandelt werden. Die extrem angespannte Stimmung empfindet sie dabei mitunter als sehr dramatisch. „Es werden einige Covid-19-Fälle hier behandelt, auch auf der Intensivstation“, erzählt Rehbein. Jeden Tag frage sie sich: Was wird heute anders sein?

Corona-Virus hat die Arbeit in der Krankenhausseelsorge verändert

Die Corona-Situation hat auch für den Alltag in der Klinikseelsorge einiges verändert. „Natürlich achten wir penibel auf das Desinfizieren der Hände und tragen Mundschutz.“ Eine spezielle Schutzausrüstung war für die Seelsorge bisher nur nötig, wenn es in einem Patientenzimmer einen Keim oder eine Infektion gab. Verändert haben sich aber auch die Bedürfnisse der Menschen um Bettina Rehbein herum, und auch die Sorgen des medizinischen Diensts, der Pflege und der Erkrankten kreisen vornehmlich um das Virus.

„Eine ständige Sorge etwa ist: Klappt das mit der Schutzkleidung? Pflegekräfte müssen alles in einer bestimmten Reihenfolge anziehen, alles muss steril sein“, berichtet die Seelsorgerin. Zudem beschäftigen sich die Mitarbeitenden mit ihren spezifischen Situationen zu Hause. „Auch sie haben ja möglicherweise ältere Eltern, die nicht besucht werden können, und Kinder, die zu versorgen sind.“ Tatsächlich habe es aber auch viel Erfreuliches gegeben. „Menschen, die sich auf Aufrufe meldeten, oder medizinisch geschulte Menschen, die helfen wollen.“

Im ganzen Haus tragen schließlich alle Masken. Wer in der Pandemie im Krankenhaus ist, gilt ja in der Regel als Notfall. Ständig gibt es Krisensitzungen und Besprechungen, um den Klinikalltag der Situationsdynamik anzupassen, so Rehbein. Direktorium und Geschäftsführung treffen sich mit Mitarbeitenden aus den wichtigsten Bereichen täglich zu einem Krisenstab und besprechen, wie die Lage aktuell zu bewerten ist. „Wir sind bestrebt, Themen frühzeitig anzugehen – Versorgungsengpässe zu vermeiden, Transportwege zu klären und auch ethische Belange zu erwägen“, betont Rehbein.

Hygiene wird in der Pandemie immer wichtiger – und zugleich aus menschlicher Sicht immer schwieriger. Denn für Erkrankte und deren Angehörige ist persönlicher Kontakt wichtiger denn je. Das sagt auch Bettina Rehbein, Pastorin und Krankenhausseelsorgerin in Hannover.

Vertrauen auf Gott: in belastenden Situationen eine Hilfe

Dazu zähle etwa auch die Triage, also die Entscheidung, wer beatmet wird, wenn es nicht mehr ausreichend Beatmungsgeräte geben sollte. Da könnten Situationen entstehen, die für das medizinische Personal psychisch sehr belastend seien. „Viele Menschen merken im Moment, dass sie an ihre Grenzen kommen und nicht alles planen können. Da wird uns allen doch noch stärker bewusst, dass es hilft, wenn wir auf Gott unser Vertrauen setzen, um nicht in Angst und Hoffnungslosigkeit stecken zu bleiben“, sagt die Seelsorgerin.

Grundsätzlich sei die Krankenhausseelsorge auch für die Mitarbeitenden da, nicht nur für die Kranken. „Wir haben das auf allen Stationen kommuniziert.“ Vor allem ein katholischer Kollege, der eine volle Stelle innehabe und großes Vertrauen genieße, werde noch häufiger angesprochen als sonst. „Gerade Pflegekräfte nehmen das in Anspruch. Die Menschen brauchen geistlichen Trost. Wir wurden zudem von der Leitung aufgefordert, unsere Andachten und Impulse zu verstärken, etwa auch im Intranet“, erläutert Rehbein. Es sei spürbar, dass alle nicht nur Mut und Worte bräuchten, sondern auch Rituale, die aufrichten.

Klinikseelsorge ist seit Pandemiebeginn wichtiger denn je

Die erkrankten Menschen benötigen diesen Beistand noch dringender. „Viele fühlen sich allein. Sie leiden darunter, nicht besucht werden zu können. Wenn wir dann kommen, ist das erst mal eine Art Stellvertretung. Dann fühle ich mich manchmal wie eine Tochter, Nachbarin oder Freundin“, erzählt Rehbein. Und dann folge oft ein zweiter Impuls – „da kommt jemand von der Kirche“. Und einige erinnern sich, dass ihnen schon einmal im Leben Stärkung gegeben wurde, die Patientinnen und Patienten mit verankertem Glauben umso mehr, so die Seelsorgerin. Schon mehrfach sei der Wunsch geäußert worden, doch eine Kerze in der Kapelle für die erkrankte Person aufzustellen. „Spätestens im Angesicht von Krise und Bedrohung entdecken viele Menschen ihre Religiosität. Und wer nichts mit Kirche oder Religion anfangen kann, freut sich einfach darüber, dass jemand kommt und zuhört, einfach da ist.“

Die Krise hat auch Rehbeins persönlichen Alltag verändert. „Ich achte aktuell sehr darauf, Menschen nicht zu nahe zu kommen. Mein Mann und ich leben geistlicher als sonst. Wir singen mehr, lesen in der Bibel, nehmen uns Zeit für Andachten, schreiben und hören. Ich bin froh, dass wir zu zweit sind – allein zu sein in dieser Zeit, das wäre schwer.“

von Susanna Bauch 

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