29. März 2021

Ehrenamt

Im Ehrenamt einen Glücksmoment schenken: Osnabrücker Projekt bringt Menschen zusammen

Manfred Kahl (71) und Wolfgang Bauerfeind (60) sind ein Team. Behutsam nimmt der Jüngere die Hand seines Freundes und legt sie sich auf den Unterarm. Kahl ist seit seinem siebten Lebensjahr blind. Er hakt sich unter und lässt sich zum Fahrrad führen, das auf dem Garagenhof in einer Osnabrücker Wohnsiedlung parat steht. Das Tandem hat die beiden einander nähergebracht. Zueinandergefunden haben die Männer durch „Glücksmomente“, ein Projekt der Evangelisch-reformierten Gemeinde Osnabrück.

„Es ist ein Glücksmoment, wenn Menschen sich begegnen und einander Zeit und Aufmerksamkeit schenken“

sagt Imke Mennenga-Schagon, Initiatorin und Koordinatorin des Projekts. Die Sozialpädagogin und Diakonin bringt seit einem Jahr Menschen mit Angeboten und Wünschen zusammen. Wer gern mit jemandem ins Theater gehen, kochen, basteln oder Geschichten vorlesen würde, kann sich bei ihr ebenso melden wie Menschen, die sich Unterstützung oder Gesellschaft wünschen beim Aufräumen, Heimwerkern oder Spazierengehen.

Ein Weg aus der Einsamkeit – manchmal für beide Seiten

Immer häufiger hätten ihr vor allem Seniorinnen berichtet, wie einsam sie oft seien, sagt Mennenga-Schagon: „Für manche ist Sonntag der schlimmste Tag der Woche.“ Zugleich sind immer weniger Menschen bereit, sich für ein Ehrenamt langfristig und mit großem Zeitaufwand zu binden. „Bei den ‚Glücksmomenten‘ kann jeder den Zeitaufwand für freiwilliges Engagement selbst bestimmen“, sagt die Diakonin.

Das hat auch Ulrike Boekhoff (48) angesprochen. Sie lebt seit drei Jahren in Osnabrück. Weil sie noch wenig Kontakt in der neuen Heimat hatte und Begegnungen mit Senioren als bereichernd empfindet, bot sie bei den „Glücksmomenten“ einen Vorlesedienst an.

Einen entsprechenden Wunsch hatte Mennenga-Schagon in ihrer inzwischen auf 120 Personen angewachsenen Kartei zwar nicht. Wohl aber war da eine 93-jährige Seniorin, die gern Ausflüge unternommen hätte. „Da dachte ich, das könnte passen“, sagt die Diakonin. Sie lernt jeden Anbieter und jeden Wünschenden persönlich kennen. „Aus Sicherheitsgründen und damit die Menschen auch unabhängig von ihren Anliegen zueinander passen.“ Rund 30-mal hat sie mittlerweile vermittelt.

Boekhoff hat die alte Dame im Auto über Land gefahren, dorthin, wo sie früher oft spazieren gegangen ist. „Neulich haben wir sie dann einfach mal zum Kaffeetrinken zu uns geholt. Sie hat so interessant von früher erzählt. Auch meine 15-jährige Tochter hat die ganze Zeit zugehört. Das war ein echter Glücksmoment für uns alle drei.“

Haben Sie eine Idee? Wo würden Sie sich manchmal mehr Unterstützung wünschen? Oder konnten Sie selbst schon jemandem helfen und sind ihm auf diese Weise nähergekommen?

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Vom kleinen Ehrenamt zur Freundschaft

Auch bei den beiden Tandemfahrern hat es von Anfang an gepasst. Beide sind gern aktiv und offen für Neues. „Es macht Spaß, sich mit ihm auszutauschen“, sagt der Anlagenführer und Autoschlosser Bauerfeind und ergänzt: „Ich bin ein lebensfroher Mensch, Manfred auch. Das passt.“ Sie haben eine Fahrradtour unternommen und waren im Sommer in einem nahe gelegenen See schwimmen. „Das habe ich genossen, denn im Schwimmbad vertrage ich das Chlor nicht“, sagt der gelernte Klavierstimmer Kahl.

Bauerfeind und seine Frau Margareta Schütte (62) sind durch einen Flyer in einem Café auf die „Glücksmomente“ aufmerksam geworden. Mit Kirche haben sie sonst wenig Berührungspunkte. „Aber uns hat die Idee angesprochen und die Aussicht, Menschen kennenzulernen“, sagt Schütte, die bei den Ausflügen oft die Dritte im Bunde ist. „Ich war fasziniert, dass Manfred uns den Weg zum See, den wir gar nicht kannten, ganz genau beschrieben hat.“

Fotos: Uwe Lewandowski
Manfred Kahl (71) und Wolfgang Bauerfeind (60) waren im Sommer 2020 zzusammen unterwegs

Nicht nur für Gemeindemitglieder gedacht

Bewusst hat Mennenga-Schagon das Projekt nicht auf kirchliches Publikum beschränkt, sondern für die gesamte Stadt geöffnet. Ein wenig Sorge bereitet ihr allerdings, dass sie in ihrer Kartei wesentlich mehr Angebote als Wünsche verzeichnet. „Offenbar haben die Menschen doch Scheu zu zeigen, dass sie Hilfe benötigen.“ Das sei völlig normal und verständlich, sagt Sozialpsychologin Julia Becker von der Universität Osnabrück. Hilfe anzubieten, stärke die Grundbedürfnisse, sich als kompetent, autonom und sozial zu erleben. Wer Hilfe annehme, fühle sich hingegen eher abhängig, „und das wirkt sich negativ auf das Selbstwertgefühl aus“.

Manfred Kahl hatte nie Bedenken, sich zu neuen Ufern aufzumachen und dabei Hilfe anzunehmen. Der Rentner lässt sich noch immer mit seinem Auto von Studierenden zu Klavierstimmerkundeninnen und -kunden fahren. Als junger Mann hat der gebürtige Leipziger der DDR den Rücken gekehrt. In Osnabrück hat

er Ende der Siebzigerjahre neu angefangen – „dank der Hilfe eines ehemaligen Schulfreundes, der mir Arbeit und Wohnung besorgt hat“.

Zudem spürt auch Kahl, dass die Treffen mit „dem Wolfgang“ beiden guttun. Für den kommenden Sommer haben sie jedenfalls einen gemeinsamen Urlaub auf Kahls Lieblingsinsel Juist angedacht. Schwimmen und Rad fahren inbegriffen? „Ja klar“, sagt er lachend mit leicht sächsischem Einschlag.

All diese schönen Momente liegen inzwischen einige Monate zurück. Die erfreulichen Sommermomente in verhältnismäßig entspannten Pandemiezeiten gehören der Vergangenheit an. Doch wer mit Imke Mennenga-Schagon in diesen Tagen telefoniert, muss sich keine Sorgen machen: Glücksmomente beschert die Diakonin weiterhin. „Rad fahren draußen und mit Maske funktioniert prima“, erzählt sie frohgemut. „Wir vermitteln Gespräche am Gartenzaun auf Abstand oder auch Telefonpatenschaften.“

Nur eine Sache bereitet ihr Kummer. „Wir würden gern unser Vorbildprojekt, die Aktion ,Mach glücklich‘ der Diakonie-Altenhilfe Osnabrück, unterstützen.“ Digital Natives hin oder her: Dort suchen Studierende ausdrücklich ältere Menschen, um mit ihnen eine Brieffreundschaft zu schließen. „Da fehlt es uns momentan noch an Interessierten, die den jungen Leuten schreiben möchten.

von Martina Schwager

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Projekt „Glücksmomente”

Mehr Informationen: Projekt „Glücksmomente“

Imke Mennenga-Schagon
Evangelisch-reformierte Gemeinde Osnabrück
Bergstraße 16, 49076 Osnabrück
Telefon: (05 41) 7 50 10 43
E-Mail: gluecksmomente@reformiert.de

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